Les Berlinois invisibles

Le Tagesspiegel part à la recherche des sans papiers.

llegale in Berlin
Nur nicht auffallen
Schätzungsweise 50.000 Menschen leben illegal in Berlin – ohne Papiere, Bankkonto oder versicherten Job. Viele bringen sich und ihre Familien dennoch seit Jahren durch.

Kurz nach neun kamen die Kontrolleure der BVG. Enrico Martinez bemerkte, dass er aus Versehen die Monatskarte seiner Frau eingesteckt hatte. Die, mit der man erst ab zehn Uhr fahren darf. Er wollte den Kontrolleuren gleich die 40 Euro zahlen. Damit sie nicht nach seiner Adresse fragen. Aber er hatte nur 39 Euro dabei. Eine Katastrophe. Das Leben von Enrico Martinez, 43 Jahre alt, und das seiner Frau und der zwei Kinder ist ein sorgfältig ausbalanciertes System. Eine kleine Unachtsamkeit genügt, und das System bricht auseinander.

Familie Martinez lebt illegal in Berlin. Von außen betrachtet leben sie ein bürgerliches Leben. Die Nachbarn ahnen nichts, und das soll auch so bleiben. Die Familie heißt in Wirklichkeit nicht Martinez. Nur wenige Freunde wissen um ihre prekäre Existenz ohne Versicherungen, ohne Konto, ohne Rücklagen fürs Alter. Das Geld für Miete, Gas, Strom und die Telefonrechnung überweisen Freunde. Es sind diese vielen kleinen Dinge, die das Leben so kompliziert und anstrengend machen, sagt Elvira Martinez.

Mit ihrem Schicksal sind die Martinez’ nicht allein. Schätzungsweise 50 000 Menschen sind es, die ohne Papiere in Berlin leben – und damit ohne Meldeadresse, ohne sozialversicherte Beschäftigung, ohne Chip-Karte für den Arzt, quasi außerhalb des Rechtsstaates. Gezählt hat sie keiner. Das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut schätzt, dass sich in Deutschland 200 000 bis 480 000 Menschen aufhalten, von deren Existenz die Behörden nichts wissen. Sie kommen aus Ghana, Ecuador, aus der Türkei, Russland, Serbien. Man begegnet ihnen in allen Lebens- und Arbeitsbereichen, obwohl sie weder eine Aufenthaltserlaubnis noch eine Duldung oder andere Papiere haben. Durch den EU-Beitritt einiger osteuropäischer Länder sind es weniger geworden, weil die Menschen von dort nun legal in der EU leben.

Familie Martinez hoffte auf eine gute medizinische Versorgung, als sie vor zwölf Jahren in Ecuador mit einem Touristenvisum in ein Flugzeug gestiegen sind. Bei einem Unfall war Elvira Martinez’ Hüfte zertrümmert worden, und die Ärzte in Ecuador konnten ihr nicht helfen. Die deutschen Mediziner schon. Nach der Operation sind die Patienten hier geblieben. „Die Gesundheit meiner Frau war mir wichtiger als alles andere“, sagt Enrico Martinez. Wichtiger als das Heimweh, wichtiger als die Unsicherheit und Angst, die ihn seitdem begleiten. Dafür nahm er auch in Kauf, dass er die teure Behandlung selbst bezahlen muss. Die Martinez’ sind nicht krankenversichert. Jede Versicherung würde sofort wissen wollen, wo die Familie gemeldet ist. Und dann würde alles auffliegen. Und da die Krankheit der Mutter schon so viel Geld verschlingt, müssen die anderen drei eigentlich gesund bleiben. „Kranksein ist nicht drin“, sagt Enrico Martinez. Einmal hatte die 16-jährige Tochter Ohrenschmerzen. Die Untersuchung dauerte zehn Minuten, aber er war 100 Euro los, sagt der Vater.

Er ist Musiker, Geld wächst für ihn nicht auf den Bäumen. Aber er schafft es seit zwölf Jahren, die Familie zu ernähren. „Ich bin froh, dass ich diesen Beruf gewählt habe“, sagt er, „denn es gibt viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen, durch eigene Auftritte, als Komponist und Produzent“. Entscheidend aber ist, dass Musiker nicht auf die Anstellung in einem Unternehmen angewiesen sind. Denn das würde Bürokratie mit sich bringen und Kontakt mit Ämtern. Am Anfang zog er mit seiner Gitarre von einem lateinamerikanischen Restaurant zum nächsten und spielte für das, was die Gäste spendeten. Dabei lernte er andere Musiker kennen, die ihn weitervermittelten. „Wenn man sich um Arbeit bemüht, findet man auch etwas“, sagt er. Abends tritt er auf, tagsüber kümmert er sich um Engagements, seit zwei Wochen streicht er Zimmer, kauft Möbel und packt Kisten aus. „Zeit haben wir keine“, hatte er am Telefon gesagt, „aber wir nehmen sie uns“. Und so hat sich die Familie an diesem Vormittag im Wohnzimmer der neuen Wohnung auf den beiden Sofas versammelt. Drumherum warten Kisten darauf, ausgepackt zu werden. Zehn Jahre lebten die Martinez’ in einer kalten, dunklen Erdgeschosswohnung in einem Neuköllner Hinterhof. Zum ersten Januar sind sie in eine helle Wohnung in Tiergarten gezogen, vier Zimmer, Parkett. „Ich wollte, dass es meine Familie endlich schön hat“, sagt der Familienvater. Die Illegalität merkt man ihm nicht an. Sie klebt nicht an den Jeans und dem Vliespullover, den Enrico Martinez an diesem Vormittag trägt. Sie schlägt sich auch nicht auf die gute Laune der 16-jährigen Tochter nieder und beeinträchtigt nicht den fünfjährigen Sohn.

Das Geldverdienen sei nicht mehr das Problem. Heute brauche er sich um Engagements keine Sorgen mehr zu machen, sagt Martinez. Er spielt auf Botschaftsempfängen, bei Hochzeiten, Geburtstagen und begleitet lateinamerikanische Sänger auf Deutschlandtournee. Aus einer Umzugskiste zieht er eine CD heraus, die er mit einem Freund aufnahm.

Tochter Martina hat die Realschule abgeschlossen und schreibt Bewerbungen. Sie will Zahnarzthelferin werden. Eine deutsche Bekannte der Familie hatte sie in der zweiten Grundschulklasse angemeldet, als die Familie hierhergekommen ist. Eigentlich war die Anmeldung nur für eine begrenzte Zeit. Aber es fragte niemand nach. „Ich hatte Angst, als sie auf die Oberschule kam“, sagt der Vater. Angst, dass alles auffliegt. Aber auch da fragte keiner. Auch nicht, als sie den Jungen im Kindergarten angemeldet haben. Seit vergangenem Jahr sind die Berliner Lehrer auch nicht mehr verpflichtet, der Ausländerbehörde zu melden, wenn sie zufällig mitbekommen, dass eine Familie sich illegal hier aufhält. Das ist nicht in allen Bundesländern so. Aber auch die Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag verpflichtet, „die Übermittlungspflicht öffentlicher Stellen so zu ändern, dass der Schulbesuch von Kindern ermöglicht wird“.

„Das Wichtigste ist, nicht aufzufallen“, sagt Enrico Martinez. Wenn man nichts falsch macht, fragt auch keiner. Aber schon der eine unachtsame Griff zur falschen Monatskarte der BVG zu Hause auf dem Küchentisch kann den Absturz bedeuten. An jenem Dienstag vor zwei Jahren fing er mächtig an zu schwitzen, als er die 40 Euro aus dem Geldbeutel nehmen wollte und bemerkte, dass er nur 39 hatte. Die Kontrolleure wollten auf keinen Euro verzichten und fragten schon nach seiner Adresse. Doch sobald sie die Adresse überprüft hätten, wäre herausgekommen, dass die Familie nicht gemeldet ist. Er hatte Angst. Er redete auf die Beamten ein. Da schenkte ihm ein Mädchen, das den Vorfall auf dem Bahnsteig beobachtet hatte, den Euro. Er war noch einmal davongekommen. Der Tag war ein Wendepunkt. „Ich wollte meinen Kindern dieses Leben nicht weiter zumuten. Sie sollen in Sicherheit ihren Weg gehen“, sagt er. Als Elvira Martinez mit dem Jungen schwanger war, riet eine Freundin ihnen, sich an den Dienst der Malteser-Migranten-Medizin zu wenden, die Menschen ohne Krankenversicherung und für wenig Geld behandeln.

Eine Ärztin dort machte ihnen Mut, sich an die Öffentlichkeit zu wagen und sich um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bemühen. Die Jesuiten-Flüchtlingshilfe und die Härtefallkommission half ihnen. Anfang Dezember stimmte der Innensenator zu. Ausschlaggebend war, dass sich die Familie vom eigenen Geld ernähren kann und sich nie hat etwas zuschulden kommen lassen. Jetzt konnten sie sich anmelden, eine neue Wohnung suchen, ein Konto eröffnen, zur Versicherung gehen. Jetzt hat Enrico Martinez auch eine Steuernummer beim Finanzamt. „Wenn die Wohnung fertig eingerichtet ist, werden wir eine Party machen“, sagt er. Zu feiern ist nichts weniger als der Beginn eines neuen Lebens.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 01.02.2010)

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